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Die Verpackung der Bilder

Die wenigsten werden wohl wissen, dass die meisten Verpackungskisten großer TV- Bildschirme innen rosafarbig sind. Zumindest dann, wenn man die erste Schicht Sperrholz, auf der gewöhnlich Markenlogos, Produktinformation und Transportetiketten angebracht sind, sorgfältig abträgt. Dem Welser Künstler Arno Jungreithmeier begegneten diese Verpackungsmaterialien in seinem Teilzeitberuf bei einer oberösterreichischen Veranstaltungstechnik Firma.
Sie sind Ausgangspunkt seiner jüngsten künstlerischen Arbeiten: großflächige, auf Holzrahmen aufgenagelte, plastische Bilder. Rechteckig im Format mit einem markant aus der Form springenden Eck.
Jungreithmeier, ein gelernter Goldschmied, ist ein Tüftler mit Hang zum Experiment. In den letzten Jahren konzentrierte er sich auf die handwerkliche Fertigung von Longboards. Manufaktur-Einzelstücke, die er unter dem Label Arno Longboards vertrieb. Es ist also kein Zufall, dass auch Jungreithmeiers jüngste künstlerische Praxis auf handwerklichen Fertigkeiten fußt, die er sich über die Jahre neu angeeignet hat.
Mit einer alten Furniersäge werden die überdimensionalen Verpackungsmaterialien – neben Sperrholz mitunter auch großflächige Kartonagen – in Streifen geschnitten und anschließend mittels Furnierpresse auf eine Holzplatte geklebt. Der Rahmen ist mit einfärbigen Textilstreifen beklebt (eine Referenz an frühere Arbeiten, die verdeutlicht, dass inzwischen der einzelnen Schaffensperioden und Interessensgebieten Jungreithmeiers eine Art „stille Post“ besteht). Verleimt wird das entstehende Objekt schließlich in den Bach vor Jungreithmeiers Atelier gehängt, anschließend mit Epoxidharz eingestrichen, um nach dem Trocknen erneut Vegetation und Wasser ausgesetzt zu werden, bevor das Bild am Rahmen austrocknet. Bei manchen Bildern sind die zerschnittenen Schriftzeichen und Logos der Verpackungskartonagen noch als nunmehr abstrakte Grafik sichtbar und erinnern entfernt an Bild- oder Filmstreifen; möglicherweise eine leise Analogie und insgeheime Referenz an den ursprünglichen Inhalt der TV-Kartons.
Die handwerkliche Vorgehensweise ist bei der Fertigung eines jeden Bilds dieselbe, der künstlerische Fertigungsprozess variiert jedoch etwa durch Temperaturschwankungen des Wassers oder dem Zufall überlassene chemische Reaktionen. Mal verfärbt sich das aufgetragene Harz in deckendes Weiß, dann wieder schimmert es durchsichtig oder grünlich. Es ist diese dem Zufall überlassene Lücke, die für Arno Jungreithmeiers jüngste Arbeiten wohl am charakteristischen ist und innerhalb seiner Werksbiografie verdeutlicht, wie eng handwerkliche Tätigkeit und Kunst aneinander heranreichen, mitunter sogar ineinanderfließen – nie jedoch deckungsgleich sind.
Nicht zuletzt wegen dieser doch deutlich sichtbaren Trennung von Manufaktur und Kunst unterscheiden sich Arno Jungreithmeiers neue Arbeiten vom gegenwärtigen Trend des „Upcyclings“. Der Gebrauchswert liegt in der Zweckfreiheit. Hier wird nicht auf Biegen und Brechen um die Umdeutung und möglichst originelle (Wieder-)Nutzbarmachung alter und alltäglicher Gegenstände gerungen. Vielmehr ist ihm daran gelegen, die Ästhetik des Alltäglichen gerade durch Abstraktion, Verfremdung und Entrückung sichtbar zu machen. Der Prozess selbst steht im Mittelpunkt, das fertige Bild ist zugleich eine fixierte Dokumentation dessen.
Die Verpackungen der Bilder haben ihre eigenständige Haptik und Materialität; davon ausgehend lässt Jungreithmeier eine neue Erzählung entstehen. Dass dieser Geschichte, wie häufig bei Arno Jungreithmeiers Kunst, auch eine gesellschaftliche und politische Dimension innewohnt, wird weder überstrapaziert oder zu herbeiinterpretiert, noch ideologisch verheimlicht. Selbstverständlich verdeutlichen Arno Jungreithmeiers neue Arbeiten auch, dass eine chinesische Transportkiste eines Fernsehers zugleich Chiffre einer globalisierten Welt und Teil des regionalen Alltagsinventars ist. In dem Sinn geht es bei Jungreithmeiers Kunst immer auch um ein Sichtbar- und Bewusstmachen; von

Oberfläche und Rückseite der Bilder, von Materialität, Beschaffenheit, aber auch der Produktionshintergründe und der Einbettung jener Gegenstände in unsere Gegenwart. Dass ein trivialer Gegenstand wie ein TV-Karton Initialzündung einer ästhetischen und politischen Spurensuche wird, ist ein typisches „Jungreithmeier-Manöver“.

Die (mögliche) Geschichte gefundener und erfundener Gegenstände, Nippes und „Überbleibsl“ schwingt in seinen Arbeiten eben nicht nur mit, sie ist häufig Ausgangspunkt. Beispielsweise als Jungreithmeier 2018 gemeinsam mit dem Welser Fotografen Günter Guni in der Galerie der Stadt Wels „Schönheit und Vergänglichkeit“ eines aufgelassenen Schrottplatzes erkundete und jahrzehntelang gelagerte, mitunter vergessene Designartefakte der Automobilgeschichte neu arrangierte und inszenierte. Oder als er acht Jahre zuvor in der Galerie FORUM Wels, deren Mitglied er auch ist, „Räume seiner Kindheit“ (so auch der Titel der Schau) im Galerieraum rekonstruierte und sich Objekte seiner Kindheit „zum Werk aufschwingen konnten“ (Norbert Trawöger). Ein Hauch Nostalgie ließ sich damals als Wunsch nach der Bewahrung von Relikten interpretieren, die dem Künstler als Kind ein schönes Leben versprachen und dieses Glücksversprechen bis heute konservierten. Oder auch weniger melancholisch: als ein konstantes Interesse an Veränderung, Vergänglichkeit und Geschichtlichkeit, das sich in abstrakterer Form auch in Jungreithmeiers aktuellen Arbeiten wiederfindet.
Arno Jungreithmeier ist Künstler, Sammler, Arrangeur und Monteur, im künstlerischen wie im handwerklichen Sinne. Mitunter ist es jedoch schlichtweg eine Art spitzbübischer Neugierde, die seine Begeisterung für alltägliche Materialien und Gegenstände antreibt. In seinen jüngsten Bildern eine Begeisterung für chinesische, rosafarbige Verpackungskisten von TV-Screens.

Text von Peter Schernhuber, er leitet gemeinsam mit Sebastin Höglinger die Diagonale, Festival des österreichischen Films in Graz.